• Andrea Kuhn

Aus Fremden werden Freunde

Super Typhoon Hato über Hongkong

Am 23. August wurde in Hongkong das höchste Sturmwarnsignal T10 ausgerufen als der Typhoon Hato als ausgewachsener Hurrikan auf unsere Küste traf. Ein Sturm dieser Stärke ist sehr selten in Hongkong und wurde das letzte Mal im Jahr 2012 gemessen.

Obwohl die Stadt sehr gut auf solche Unwetter vorbereitet ist und die modernen Hochhäusern eigentlich problemlos einem solchen Sturm standhalten, so sind doch erhebliche Sachschäden durch herumfliegende Gegenstände und Überflutungen entstanden. Doch im Vergleich zu Macau, wo 12 Menschen im Sturm ums Leben kamen, gab es hier glücklicherweise keine Toten.


Nachbarschaftshilfe im grossen Stil

Ein Tag nach dem Typhoon, der auch unser Gelände in Mitleidenschaft gezogen hatte, erhielt Crossroads ein Schreiben von den Bezirksverantwortlichen des kleinen Nachbardorfs Kar Wo Lei Tsuen mit der Bitte um Hilfe. Das Dorf liegt nur rund 600 Meter von uns entfernt an einem Fluss. Durch den Sturm und den bereits hohen Wasserstand wurden die einfachen Behausungen ungefähr hüfthoch überflutet und zahlreiche Einrichtungsgegenstände schwer beschädigt.

Diese direkte Anfrage war für uns etwas ganz besonderes, denn als Hilfsorganisation mit Sitz in Hongkong, aber gegründet und geführt von Westlern, ist es nicht immer leicht, der lokalen Bevölkerung zu vermitteln, dass wir vorallem auch den Menschen in Hongkong helfen möchten. Natürlich willigten wir sofort ein und freuten uns über diesen Beweis der Akzeptanz. Kaum hatten wir diese Zusage gemacht, da erhielten wir am Tag darauf auch schon eine weitere Anfrage. Dieses Mal vom nahegelegenen und bei Touristen sehr beliebten Fischerdorf Tai O auf Lantau Island. Auch dort kam es durch die bereits hohe Flut und den starken Sturm zu schweren Überschwemmungen.

Kurzum sandten wir ein Team in beide Dörfer um den Schaden aufzunehmen und starteten einen Aufruf auf unserer Webseite und den Sozialen Medien. Bereits am nächsten Tag erhielten wir erste Unterstützungszusagen von privaten als auch gewerblichen Sponsoren die es uns möglich machten die noch fehlenden Güter zu beschaffen und die Kosten für die Auslieferungen zu decken.


Hilfe besonders für ältere Menschen von hohem Wert Die mehrheitlich älteren Einwohner von Tai O waren während des Sturms kaum in der Lage sich selbst, geschweige den ihre Einrichtung vor der schnell steigenden Flut zu retten. Einer von ihnen ist der 87-jährige Mr Kwan, der durch einen Schlaganfall halbseitig gelähmt ist und mehrheitlich im Rollstuhl sitzt.

Als das Wasser in seinem kleinen Haus immer höher stieg fürchtete er um sein Leben, denn an den Rollstuhl gebunden konnte er sich nicht aus eigener Kraft in Sicherheit bringen. Als ihm das Wasser bereits bis zum Oberkörper reichte wurde er von den städtischen Rettungskräften zusammen mit den anderen Bewohnern von Tai O evakuiert und in eine sichere Zone gebracht. Vieles von seiner bescheidenen Einrichtung konnte jedoch nicht mehr gerettet werden und so verlor Mr Kwan an diesem Tag mehr oder weniger alles was er besass.


Glücklicherweise ist die Geschichte damit aber noch nicht zu Ende. Als das Team von Crossroads neue Einrichtungsgegenständen zu ihm nach Hause lieferte war seine Freude und Dankbarkeit überschwenglich. Er bekam von uns auch Dinge die er vorher nicht besass, wie beispielsweise ein echte Matratze anstelle von seiner alten dünnen Schlafmatte sowie diverse Elektrogeräte. Als wir ihm auch noch eine neue Waschmaschine installierten und ihm erklärten wie sie funktioniert, verkündete er voller Freude, dass er niemals gedacht hätte, dass er noch einmal die Chance bekäme seine Wohnung zu renovieren.


Aus Fremden werden Freunde

So wie Mr Kwan konnten wir vielen weiteren Menschen in Tai O helfen und unsere roten T-Shirts blieben den Bewohnern in Erinnerung wie wir schnell merkten. Wir lieferten die Güter in mehreren Etappen aus und bereits beim zweiten Mal wurden wir von den Einwohnern mit einem freundlichen Lächeln willkommen geheissen. Es wurde uns kostenlos Wasser und vergünstigtes Essen angeboten und einige luden uns sogar in ihre Häuser ein um uns ihre Geschichte vom Hochwasser zu erzählen und Fotos mit uns zu machen.


Ich war als Gesandte des Kommunikationsteams, bewaffnet mit Fotokamera, bei einer Auslieferung mit dabei und konnte die entstandene Verbundenheit zwischen uns "Westlern" und den Leuten in Tai O hautnah miterleben. Was mir besonders in Erinnerung bleibt und mich sehr berührt hat war der Moment, als wir von einer Hauslieferung zurück durch die engen Gassen zu unserer Sammelstelle liefen und uns mehrere Einwohner zuwinkten und sich mit einem Lächeln und den Worten "mgoi sai" (sehr förmlicher Dank) gefolgt von einem gebrochenen "thank you" vor uns verneigten. Das war sehr ergreifend und wunderschön, denn in dieser Geste lag eine echte Dankbarkeit und eine tief empfundene Verbundenheit.

Ich bin dankbar ein Teil dieser Aktion gewesen zu sein, die Menschen so direkt half und eine Freundschaft entstehen liess die vorher nicht da war. Es war wohl das erste Mal, dass ich mich hier wirklich als Mitglied der Gesellschaft fühlte und nicht als Fremde.

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