• Andrea Kuhn

Den Mut haben nicht nur Sandburgen zu bauen



Vor ein paar Wochen sass ich alleine in einem kleinen vietnamesischen Restaurant. Das junge Mädchen das mich bediente lächelte mich immer wieder an und fragte mich schliesslich woher ich komme und was ich hier mache. Ich erzählte es ihr und als ich erwähnte, dass ich Grafikerin bin, fingen ihre Augen an zu leuchten. Sie erzählte mir, dass sie auch gerne etwas Kreatives machen würde wenn sie mit der Schule fertig sei und dass sie einmal davon geträumt hätte Architektin zu werden. Leider sei sie aber zu schlecht in Mathematik und deshalb sei dieser Traum unmöglich für sie zu erreichen. Ich wollte schon etwas erwidern als sie mit einem schüchternen Lächeln wie zur Erklärung ergänzte, dass sie nun aber einen Freund habe der ebenfalls Architekt werden will.

Ich war etwas verwirrt über diese Aussage und verstand irgendwie den Zusammenhang nicht also fragte ich nach was das mit ihrem Traum zu tun hätte. Ihre Antwort kam wie selbstverständlich, sie sei halt zu schlecht um Architektin zu werden aber ihr Freund, der könnte dieses Ziel erreichen.

Ich war ehrlich gesagt etwas geschockt über diese Einstellung. Wer oder was hatte diesem erst 17-jährigen Mädchen die Hoffnung genommen, dass sie es als richtig empfand ihre Träume aufzugeben und sich damit zufriedenzugeben, dass ihr Freund ihn für sie beide erfüllen kann. Ich wollte das nicht so stehen lassen und so sagte ich ihr, dass schulische Leistung allein nicht alles sei was man benötigt um seine Träume zu erfüllen. Was es vorallem braucht ist Leidenschaft, Durchhaltewille und die Bereitschaft für seinen Traum zu kämpfen und hart zu arbeiten. Ich sagte ihr, dass wenn sie anfängt an sich selbst und ihre Träume zu glauben sie diese auch erreichen kann.

Während meines leidenschaftlichen Redeschwalls blickte sie zuerst zu Boden, doch dann plötzlich schaute sie mich an und ein unsicheres Lächeln erhellte ihr Gesicht. Sie dankte mir und sagte, dass noch nie jemand etwas so ermutigenes zu ihr gesagt hätte.

Einen Moment schwiegen wir und ich dachte schon, dass das Gespräch damit beendet sei doch dann zupfte sie plötzlich an ihrem Kleid herum und erzählte mir weiter, dass sie in ihrer Freizeit kostenlos für ihre Tante in diesem Restaurant arbeiten müsse. Sie sei deshalb oft müde und hätte zuwenig Zeit um für die Schule zu lernen. Ihre Tante sei ausserdem der Meinung sie sei zuwenig weiblich in ihrem Verhalten und zwinge sie deshalb Kleider und hohe Schuhe zu tragen um attraktiver für die Männer zu sein. Sie fühle sich in dieser Kleidung zwar unwohl aber es könne schlussendlich doch nichts daran ändern wer sie wirklich sei!

Da hatte ich also einen Funken Kampfgeist in ihr entdeckt und der liess mich lächeln. Ich hoffe, dass dieser Funke ausreichen wird um sie in Zukunft nicht nur Sandburgen bauen zu lassen sondern ihre Träume zu verwirklichen – für sich selbst und niemanden sonst.

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