• Andrea Kuhn

Wenn viele Tropfen zum Fluss werden

Es war der Krieg von dem niemand sprach. Die Vereinten Nationen beschreiben ihn als den am schlimmsten vernachlässigten Konflikt der Welt. Über 20 Jahre spielte sich unbemerkt von den Augen und Ohren der Welt das nackte Grauen in Nord Uganda ab.

Angeführt von Joseph Kony überfiel die Rebellenarmee Lord's Resistance Army, kurz LRA, Dörfer und entführte Jungen und Mädchen. Die Kinder wurden in den Busch verschleppt wo die Jungen als Soldaten zum plündern, foltern und morden gezwungen wurden, während die Mädchen teilweise gegen Munition ins Ausland verkauft oder als Bräute für die eigenen Männer im Lager behalten wurden.

Um sich die Loyalität der Kindersoldaten zu sichern, wurden sie gezwungen ihre Freunde oder auch ihre Geschwister und Eltern zu töten. Niemand der seine eigene Familie ermordet hätte würde je wieder in sein Dorf zurückkehren können. Diejenigen die sich der LRA widersetzten wurden auf der Stelle erschossen. Einige der entführten Kinder waren gerade einmal 4 Jahre alt.


Vom Kindersoldaten zum Friedensstifter

Einer dieser Kinder war David Livingstone, den ich letzten Monat persönlich kennenlernen durfte. Seine Geschichte ist tragisch und man will es kaum glauben, dass dieser Mann mit dem strahlenden Lächeln, dies alles wirklich miterlebt hat. Gerne möchte ich dir seine Geschichte erzählen.

Entführt David war gerade einmal 15 Jahre alt als die LRA Rebellen seine Schule stürmten und die Kinder mit den Worten: "Kommt nie mehr her" nach Hause schickten. Als einige seiner Mitschüler darum baten doch weiter lernen zu dürfen, erwiderte einer der Soldaten, dass sie, wenn sie morgen wieder kämen, gezwungen würden ihre Lehrer zu töten, zu kochen und zu verspeisen. Diese schreckliche Drohung machte den Kindern den ernst der Lage klar und so verliessen sie ohne weitere Widerworte die Schule.

Auf dem Weg nach Hause wurden sie jedoch von einer zweiten Gruppe der LRA aufgegriffen und gezwungen mitzugehen. Die Soldaten verdächtigten die Kinder Lebensmittel aus dem Dorf zu schmuggeln und an die Regierungstruppen weiterzugeben. Als ein Mädchen sich zu erklären versuchte und die Männer bat, etwas zu Essen für ihre wartenden Geschwister ins Dorf zu bringen, wurde sie auf der Stelle erschossen. Einer der Rebellen fragte daraufhin die verängstigte Gruppe spöttisch: "Will sonst noch jemand nach Hause gehen?".

Unter Schock wurde David zusammen mit den anderen Kindern in den Busch verschleppt und von da an gezwungen als Kindersoldat für die LRA zu kämpfen. Dabei wurde er mehr als einmal selber Opfer der sadistischen Spielchen der Rebellen und während der folgenden sechs Monate wurde er Zeuge von Dingen die so grausam waren, dass man sie sich kaum vorstellen will.

Kindersoldaten sind mehr Opfer als Täter. (Foto: dpa)


Auf der Flucht Nachdem David bereits schon seit einem halben Jahr mit der LRA durchs Land zog, sah er während eines internen Zwist endlich eine Chance zur Flucht. Er rannte so schnell er konnte immer tiefer in den Busch während links und rechts von ihm andere Fliehende erschossen wurden. Ohne zu wissen wo genau er sich befand und trotz des hohen Risikos wieder auf Rebellen zu stossen, was seinen sicheren Tod bedeutet hätte, schaffte er es ins nächste Dorf und bat die dort stationierten Regierungstruppen um Schutz. Die Soldaten verdächtigen ihn jedoch sofort als Spion der LRA und zögerten nicht lange in einzusperren.

Das Gefängnis in dem er landete ist wohl eher als Todesloch zu bezeichnen. Zusammengepfercht auf dem nackten, kalten Betonboden, spendeten sich die gefangenen jungen Männern gegenseitig etwas Wärme in der Dunkelheit. Jegliches Zeitgefühl ging verloren, Essen und Wasser wurde nur sehr spärlich ausgeteilt und es schien David, als würden sie hier alle nur noch auf den Tod warten. Nicht nur einmal wachte er nachts auf weil er spürte, wie der Körper neben ihm kalt geworden war und Nacht für Nacht wartete er darauf, dass auch seine Kräfte ihn verliessen.

Doch wie durch ein Wunder überlebt er und wird irgendwann aus seinem Gefängnis geholt und in einen Lastwagen verfrachtet. Er weiss nicht wohin man ihn bringt, doch er weiss, dass dies vielleicht seine letzte Chance zur Flucht ist. An einem Grenzposten nutzt er einen Moment der Unachtsamkeit um vom Lastwagen zu springen und rennt so schnell er kann zum nächstgelegenen Polizeiposten wo er auf die Hilfe eines Verwandten hofft der ebenfalls Polizist ist. Die Männer auf dem Revier sind schockiert als sie den abgemagerten jungen Mann sehen, der mehr einem wilden Tier als einem Menschen gleicht. Sie befragen ihn sofort, doch David spricht eine Sprache die sie nicht verstehen. Nach einer Weile finden sie jemanden der mit ihm reden kann und so erzählt David seine ganze traurige Geschichte. 


Die Möglichkeit auf einen Neuanfang David hat Glück, die Polizisten sind freundlich und erklären ihm, dass er sich mittlerweile weit weg von seinem zu Hause befindet und dass er bereits die Landesgrenze überquert hat. Sie warnen ihn auf keinen Fall zurück in sein Dorf zu gehen, denn wenn die LRA ihn dort erwischen würde, würden sie ihn sofort töten. David hat jedoch eine Tante, die etwas ausserhalb der Gefahrenzone lebt. Die Polizisten kontaktieren sie und nachdem sie einwilligt den Jungen bei sich aufzuehmen, wird er von den Männern zu ihr gefahren. Seine Tante führt eine Bar und nach einer Weile fühlt sich David nach langer Zeit wieder irgendwo angekommen. Er weiss, dass dies eine Chance auf ein neues Leben ist und er fängt sogar an die Schule dort zu besuchen, doch er wird während der ganzen Zeit von Rachegedanken gequält.

Nachdem man David's Geschichte kennt, ist sein Wunsch nach Vergeltung verständlich und man würde erwarten, dass dieser Mann völlig traumatisiert, verbittert und rachsüchtig geworden ist. Doch sein Leben nahm auf wundersame Weise eine ganz andere Wendung.

Der Wendepunkt Nach einigen Jahren, David ist inzwischen ein erwachsener Mann geworden und hat Frieden mit seiner Vergangenheit geschlossen, spürt er immer wieder eine Unruhe in sich aufkommen und den starken Drang zurück in das Dorf zu gehen von dem er einst verschleppt wurde. Alle raten ihm davon ab und auch er selbst ist von Angst erfüllt, wenn er daran denkt, nach Kitgum zurückzukehren und damit sein Leben aufs Spiel zu setzen. Er versucht das Drängen zu ignorieren doch die Unruhe lässt nicht nach und so tritt er schliesslich seinen langen Weg nach Hause an ohne zu wissen was ihn dort erwartet.

David Livingstone mit seiner Familie in Kitgum, Uganda

Als er in Kitgum ankommt trifft er auf seine Vergangenheit. Die meisten Alten des Dorfes, darunter auch viele Eltern der damaligen Kinder, sind gestorben oder wurden von den Rebellen umgebracht. Zurück blieb eine junge Generation von Überlebenden wie David, traumatisiert und ohne richtige Ausbildung, die irgendwie versucht ihre Kinder grosszuziehen. Tief betroffen von dieser Erkenntnis und dem schrecklichen Ausmass des langjährigen Krieges, wuchs in David der Wunsch seinen Brüdern und Schwestern zu helfen.

Salt & Light Uganda

Noch heute lebt David Livingstone mit seiner Familie in Kitgum und führt die Hilfsorganisation "Salt & Light Uganda" mit der er Menschen hilft, die wie er durch den Krieg keine richtige Ausbildung bekommen haben, ein bessere Zukunft für sich und ihre Kinder aufzubauen. Die Organisation ist in vier wesentlichen Bereichen aktiv: Medizinische Versorgung, Bildung für Kinder und Erwachsene, Landwirtschaftsprojekte und Zugang zu sauberem Wasser.


Eine Webseite für David Livingstone

Wie bereits erwähnt, habe ich David Livingstone persönlich kennenlernen dürfen. Er kam nach Hongkong um Crossroads für die langjährige Zusammenarbeit zu danken und um seine eigenen Projekte in verschiedenen Schulen und Firmen vorzustellen. Dabei haben wir erfahren, dass er keinerlei Werbematerial, ja noch nicht einmal eine eigene Visitenkarte besitzt, die doch gerade hier im asiatischen Raum so wichtig ist um Beziehungen aufzubauen.

Kurzfristig habe ich deshalb zusammen mit der Crossroads Direktorin und Texterin, Sally Begbie, eine kleine Broschüre für "Salt & Light Uganda" gestaltet damit David wenigstens etwas hat das er an die Leute verteilen kann. Doch damit nicht genug. Sehr berührt von seiner Geschichte und überzeugt von den Projekten die er in Uganda vorantreibt habe ich mich zusätzlich dazu entschieden, David die Umsetzung seiner eigenen Webseite anzubieten. Als ich ihm dies mitteilte und ihm dabei zusicherte, dass dies wirklich keine grosse Sache für mich sei, fingen seine Augen an zu leuchten. Er erzählte mir, dass er schon so lange davon träumte eine eigene Webseite zu haben. Jedoch hatte er die Hoffnung bereits aufgegeben, da er niemanden kannte der dies kostenlos für ihn machen würde.

In diesem Moment wurde mir schlagartig bewusst, wie oft ich über meinen Beitrag als Grafikerin denke, dass es doch "keine grosse Sache" ist. So oft frage ich mich zweifelnd wie ich Menschen in Not mit Flyern, Webseiten oder Broschüren helfen kann – klingt doch irgendwie lächerlich oder nicht? Doch in diesem Augenblick erhielt ich eine andere Antwort. Dieser Mann, der soviel Schreckliches in seinem Leben durchgemacht hatte, schaute mich an wie ein Kind das gerade sein grösstes Geschenk bekommen hat und seine Aufregung und Freude steckten mich an.

Noch am gleichen Tag machte ich mich daran, David's mehr oder weniger unbekannten Hilfsorganisation ein Tor in die moderne Welt zu öffnen. Er erhielt eine eigene Domain www.saltandlightuganda.org und ein überarbeitetes Logo und schon kurz danach, ging Salt & Light Uganda mit einer Landingpage online. Diese ermöglicht es den Leuten ab sofort mit David in Kontakt zu treten solange die Webseite noch im Aufbau ist.


Das war ein toller Moment für uns alle und wir arbeiten fleissig daran, dass wir noch vor Weihnachten auch die fertige Webseite aufschalten können. Ich kann es kaum erwarten David's strahlendes Gesicht zu sehen wenn es soweit ist!

11 Ansichten

© 2020 Copyright by Andrea Kuhn - Visuelle Kommunikation

Portfoliobilder gesponsert von Kurt Zuberbühler - InspirationBild

  • Facebook - Visuelle Kommunikation
  • LinkedIn - Andrea Kuhn
  • Pinterest - Andrea Kuhn
  • Facebook - Ein Herz für Südamerika