• Andrea Kuhn

Wenn Papiertüten kleben über Leben und Tod entscheidet

Ich nahm heute an einer Simulation teil die uns so real wie möglich nachempfinden liess, wie es ist in einem Slum in Indien oder sonst wo auf der Welt ums Überleben zu kämpfen. In mehreren Gruppen/Familien aufgeteilt, mussten wir unter ständigem Druck durch die Shopbesitzer und den Slum-Lord, so viele Papiertüten wie nur möglich kleben um unseren Lebensunterhalt zu verdienen. Wie sich die Simulation angefühlt hat, versuche ich euch nachfolgend zu schildern.


Leben im Slum

Was wäre, wenn du in Indien in einem Slum leben würdest? Deine «Wohnung» aus Abfall, Karton und Wellblech hätte ungefähr eine Fläche von 2 x 2 Meter, die du dir mit deiner ganzen Familie teilst. Natürlich könntest du dort nicht einfach kostenlos leben, den der Boden, auf dem dein bescheidenes Heim steht, gehört einem Slum-Lord und der verlangt wöchentlich Miete von dir. Wenn du die Miete, die je nach dem unberechenbar in die Höhe steigen kann, nicht bezahlst, wirst du und deine Familie aus dem Slum auf die Strasse geworfen. Doch was dich auf der Strasse erwartet, ist so schrecklich, dass du bereit bist alles zu tun, um nur wenigstens im Slum bleiben zu dürfen. Neben deiner Miete, brauchst du aber auch noch etwas zu Essen für dich und deine Familie, vielleicht auch Medizin und selbst wenn du die Toilette benutzen willst, die du dir mit tausenden anderen Slumbewohner teilst, wirst du den Slum-Lord dafür bezahlen müssen.


Doch was dich auf der Strasse erwartet, ist so schrecklich, dass du bereit bist alles zu tun, um nur wenigstens im Slum bleiben zu dürfen.

Das Problem ist aber, dass weder du, noch sonst ein Mitglied deiner Familie, je zur Schule gegangen ist oder eine Ausbildung hat. Es gibt also nichts, womit ihr Geld verdienen könnt um den Slum-Lord zu bezahlen. Eure einzige Chance zu Überleben ist, aus alten Zeitungen Papiertüten zu falten und zu versuchen sie an die Shopbesitzer auf den Märkten zu verkaufen. Deine ganze Familie ist also täglich damit beschäftigt Altpapier zu sammeln, zu falten und zu Papiertüten zusammenzukleben. Ihr besitzt weder Leimstifte noch andere Hilfsmittel, nur eure Finger und Hände. Den Leim mischt ihr selbst aus Wasser und Sand. Sobald ihr 10 Papiertüten zusammenhabt geht ein Familienmitglied auf den Markt um einen Shopbesitzer unterwürfigst anzuflehen die Papiertüten zu kaufen. Du musst darum betteln, denn aus dem Blickwinkel des Shopbesitzers versuchst du ihm gerade Altpapier oder besser gesagt Abfall zu verkaufen. Je nach dem wird er dich verspotten, demütigen, schlagen, die Papiertüten zerreissen und dich davonjagen oder er wird sich gnädig erweisen und dir ein wenig Geld für deine Tüten geben.


Wenn Moral zum Luxusgut wird

Doch auch wenn du und deine Familie jede Stunde des Tages Papiertüten klebt, wird das bisschen Geld, dass ihr damit verdienen könnt, niemals ausreichen um den Slum-Lord zu bezahlen. Und was geschieht, wenn ein Familienmitglied krank wird und ausfällt? Neben dem Problem, dass ihr kein Geld für Medizin habt, wird euch auch seine Produktivität fehlen. Dies wird früher oder später dazu führen, dass ihr nicht nur auf die «Gnade» der Shopbesitzer angewiesen seid, sondern auch auf die des Slum-Lords. Was dies bedeutet könnt ihr euch vielleicht denken. Der Shopbesitzer oder der Slum-Lord wird mehr von euch wollen als nur eure billigen Papiertüten. Sie werden dir ein Geschäft anbieten, dass gegen jede Moral spricht doch das Überleben deiner Familie sichern kann. Ihr bekommt ein paar Tage Zahlungsaufschub, wenn du bereit bist dich selbst, deine Tochter oder deine Frau für eine Nacht an den Slum-Lord oder den Shopbesitzer zu verkaufen.


Sie werden dir ein Geschäft anbieten, dass gegen jede Moral spricht doch das Überleben deiner Familie sichern kann.

Was würdest du tun? Kannst du dir überhaupt den Luxus leisten über Moral nachzudenken wenn deine Kinder in der Nacht weinend und schreiend wach liegen weil sie hungern? Wenn deine Eltern krank sind und dringend Medizin brauchen? Die tragische Wirklichkeit ist, dass du dir diesen Luxus nicht leisten kannst. Als Frau/Mutter wirst du dir jetzt vielleicht denken, dass du in dieser Situation auf jedenfall bereit wärst deinen Körper für das Leben deiner Kinder zu verkaufen. Doch wie schrecklich muss es sich anfühlen danach zurück zu deinem Ehemann zu gehen? Wie erniedrigend muss es sich für deinen Ehemann anfühlen, dass er nicht in der Lage ist, seine Familie von solchen Übergriffen zu schützen? Und was, wenn der Mann, der soviel Macht über euch hat, nicht an dir, sondern vielmehr an deiner hübschen, jungen Tochter interessiert ist?


Ausgeliefert auf Leben & Tod

Am Ende wirst du keine andere Wahl haben wenn du und deine Familie überleben wollt. Doch wer gibt dir die Garantie, dass sich der Slum-Lord, nachdem er dich, oder jemand aus deiner Familie benutzt hat, an sein Versprechen halten wird? Was wenn er euch dafür doch kein Geld gibt oder euch am nächsten Tag trotzdem aus dem Slum vertreibt weil ihr nicht bezahlen könnt? Was wenn er das Interesse an dir oder deinen Töchtern verliert und du nichts mehr hast was du ihm anbieten könntest? Nun, die traurige Realität ist, dass es niemanden kümmern wird ob der Slum-Lord sich an seine Versprechen hält oder nicht. Dein Leben und das deiner ganzen Familie liegt in seinen Händen. Er allein entscheidet ob ihr lebt oder stirbt.


Dein Leben und das deiner ganzen Familie liegt in seinen Händen. Er allein entscheidet ob ihr lebt oder stirbt.

Persönliche Gedanken zur Simulation

Während der Simulation ist mir bewusst geworden, dass sich mein gesamtes Sein und auch das meiner Gruppe/Familie auf die Herstellung von Papiertüten reduziert hat. Du hast keine Zeit dir Gedanken zu machen wo du bist, wer um dich herum ist, was für andere Möglichkeiten du vielleicht hättest um deine Situation zu verändern oder ob es moralisch gut oder schlecht ist was du plötzlich bereit wärst zu tun – stehlen, bestechen, prostituieren, im schlimmsten Fall vielleicht sogar morden. Unsere einzigen Gedanken waren: wieviele Papiertüten haben wir, konnten wir sie verkaufen und reicht es um den Slum-Lord zu bezahlen.


Unsere einzigen Gedanken waren: wieviele Papiertüten haben wir, konnten wir sie verkaufen und reicht es um den Slum-Lord zu bezahlen.

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