• Andrea Kuhn

Gefangen: Ein Leben auf engstem Raum

Hongkong zählt mit rund 6500 Einwohner pro Quadratkilometer zu den dichtest besiedelten Regionen der Welt. Das liegt daran, dass nur rund 25% der Gesamtfläche bebaut ist. Folglich erstreckt sich die Millionenmetropole in die Vertikale und ist weltbekannt für ihre beeindruckenden Wolkenkratzer. Doch dies ist nur die halbe Wahrheit. Die aktuelle Ausstellung «Trapped» des Fotografen Benny Lamm führte uns hinter die glitzernde Fassade der Hongkonger Skyline und gewährte uns einen Blick auf die hässliche Seite der internationalen Wirtschaftsmetropole.


Ich bin tief berührt von der Fotoausstellung die aktuell in Zusammenarbeit mit der Hongkonger NGO Society for Community Organization (SoCO) in Sham Shui Po gezeigt wird und die ich mit meinem Team besuchen durfte. Die zahlreichen Fotos und ein Video illustrieren eindrücklich die erschütternden Lebensumstände der Armen in Hongkong die nur sehr wenige Aussenstehende je zu Gesicht bekommen. Gerne möchte ich nachfolgend meine Gedanken sowie einige Hintergrundinformationen mit euch teilen.


Was heisst Armut in einer Weltstadt wie Hongkong?

Die Kluft zwischen Reich und Arm ist gewaltig. Gemäss Aussagen von Einwohnern gibt es in Hongkong drei Gesellschaftsklassen: Die sehr Reichen, die Reichen und die Armen. Nachdem was ich an der Ausstellung gesehen habe, würde ich eine vierte Klasse hinzufügen, nämlich die Ärmsten der Armen. Sowas wie eine normale Mittelschicht gibt es aufgrund der grossen Wohnungsknappheit und der daraus resultierenden horrenden Mieten nicht. Der grösste Einwohneranteil der etwas mehr als 7 Millionen Menschen hier muss also zu den Armen oder Ärmsten gezählt werden. 


«Hongkong ist weltweit bekannt für ihren sichtbaren wirtschaftlichen Erfolg und ihren Wohlstand. Doch hinter der glitzernden Fassade existiert eine andere Realität; eine Welt voller Armut, Leid und Korruption.»

Die Armen leben in Zwei-Quadratmeter-Wohnungen

Es gibt viele Möglichkeiten eine normale Wohnung in kleinere Einheiten aufzuteilen damit möglichst viele Menschen zusammen in einer Wohnung leben können. Hier in Hongkong wurde diese Methode von den reichen Immobilienbesitzern geradezu perfektioniert um möglichst viel Geld mit der Armut zu machen.

Die kleinen Würfelwohnungen sind nichts weiteres als erdrückende, enge Räume in denen die abgestandene Luft einem zu ersticken droht. Es gibt weder ein Fenster zur Luftzirkulation noch ein Bett auf dem man die Beine ganz ausstrecken könnte und es gibt nicht einen Tisch auf dem die Kinder ihre Hausaufgaben machen könnten. Die Mieter sind hart arbeitende aber schlecht bezahlte Männer und Frauen mit Kindern, alleinerziehende Frauen sowie alte, kranke und behinderte Menschen die von einer spärlichen Sozialversicherung leben weil sie keine Arbeit bekommen.


Zusammengepfercht auf zwei Quadratmetern leben sie Seite an Seite mit ihren Nachbarn. Privatsphäre ist purer Luxus. Jedes Geräusch, jede Bewegung ist von allen hörbar. Küche und Badezimmer werden meist gemeinschaftlich zum kochen und Wäsche waschen genutzt. Teilweise ist eine Toilette in den kleinen Wohneinheiten vorhanden, ansonsten muss sie ebenfalls mit den anderen Mietern geteilt werden.

Durch die Enge, die Hitze, die manschmal bis auf 40 Grad steigen kann und die hohe Luftfeuchtigkeit sowie die daraus resultierende mangelnde Hygiene, sind die Bewohner nicht nur von Armut und der stetigen Angst die Miete nicht bezahlen zu können geplagt, sie müssen auch noch mit Bettwanzen, Ratten und Kakerlaken leben. Doch wer jetzt denkt dies sei bereits die tiefste Stufe der Armut die man in Hongkong erreichen kann irrt sich gewaltig. Eigentlich könnte man diese Wohnungen sogar als normal bezeichnen, denn die Ärmsten leben in noch viel schlimmeren Verhältnissen.


Die Ärmsten leben im Sarg «Ich bin noch am Leben doch schon jetzt bin ich umgeben von vier Sargwänden!» So lautet die erschütternde Aussage eines Bewohners der illegalen Sarg- oder Käfigwohnungen in Hongkong. Wie wahr und tragisch diese Aussage ist, erkennt man erst wenn man weiss, dass diese Unterkünfte noch nicht einmal die Bezeichnung «Wohnung» verdienen. In Wirklichkeit handelt es sich nämlich um eine Wohnung in der sich mehrere geschlossene, ca. 90 x 170cm grosse Schlafboxen aus Metall oder Holz aneinander reihen, in denen man kaum aufrecht sitzen kann. Eine Küche gibt es meistens nicht. Nur ein kleiner Raum mit Wasseranschluss dient rund 20 Menschen oder mehr zum duschen, Wäsche waschen und als Toilette.

Diese Art eine Wohnung in viele kleine Einheiten aufzuteilen ist offiziell verboten und somit illegal. Ein Mietvertrag gibt es nicht. Trotzdem bezahlen die Bewohner im Durchschnitt rund 1500 HK$ pro Monat für ihre kleine Zelle, was ungefähr 200 Schweizer Franken entspricht. Es sind sowohl Männer als auch Frauen jeden Alters die hier leben und nur etwas gemeinsam haben: nicht genügend Geld um sich eine 2-Quadratmeter-Wohnung zu leisten, in dem sie zumindest etwas mehr Bewegungsfreiheit und Privatsphäre hätten.


Viele von Ihnen wohnen schon seit vielen Jahren in diesen Sarg- beziehungsweise Käfigwohnungen, denn einmal an diesem Ort angekommen, gibt es kaum mehr einen Weg hinaus. Trotzdem haben einige immer noch die Hoffnung, dass sie eines Tages in eine staatliche Sozialwohnung (2-Quadratmeter-Wohnung) ziehen können. Tatsächlich liegt die  offizielle Wartezeit für Familien aber bereits bei rund 3-5 Jahren, für Alleinstehende bei über 5-10 Jahren oder realistischer ausgedrückt: die meisten von ihnen werden wohl nie eine solche Wohnung bekommen.

Ein massstabgetreues Modell einer Sargwohnung an der Ausstellung ermöglichte mir einen ganz persönlichen Eindruck über die beengenden Verhältnisse in diesen Wohnboxen. Ich konnte mich mit meinen knapp 1.70 cm noch geradeso ausgestreckt hinlegen. Doch wenn ich mir vorstelle, dass dies mein einziger privater Wohnraum wäre – es einfach nur schrecklich!

In den letzten 10 Jahren hat die Zahl der Käfigwohnungen die aus Metallgittern bestehen abgenommen. Grund für diesen Wandel, sind wohl vorallem die Beiträge internationaler Medien, die bestürzt und geschockt über die erbärmlichen Wohnverhältnisse in einer Weltstadt wie Hongkong berichteten. Doch Tatsache ist, dass die kalten Metallgitter lediglich durch blanke Holzwände ersetzt und aus engen Käfigen,  Särge wurden.


Weitere Informationen zum Thema

Das folgende Video einer Studentin der Hochschule für Fernsehen und Film München (HFF), zeigt einen weiteren Einblick in die verborgene Welt der Armut in Hongkong. Zahlreiche weitere Berichte, leider viele davon nur in Englisch, sind auf YouTube zu finden. Klicke hier für mehr Videos zum Thema.


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